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Neues Leibniz-Vorhaben WHEATSCAN: Ein interdisziplinäres Netzwerk zur Aufklärung der Ursachen für Weizenunverträglichkeiten

Freising. Ein national und international führendes, interdisziplinäres Netzwerk aus Getreidechemikern, Pflanzenforschern, Bioinformatikern, Immunologen und Gastroenterologen arbeitet im Rahmen des Projekts WHEATSCAN an der Aufklärung der Ursachen für Weizenunver-träglichkeiten. Der Senatsausschuss Wettbewerb (SAW) der Leibniz-Gemeinschaft finanziert das dreijährige Projekt mit 1,14 Mio. EUR.

Weizenunverträglichkeiten sind durch populärwissenschaftliche Bücher wie „Weizenwampe“ und „Dumm wie Brot“ in der öffentlichen Wahrnehmung hochpräsent und eine glutenfreie Ernährung liegt in den westlichen Industrienationen auch ohne klare medizinische Notwendigkeit im Trend. Extrem problematisch bei diesen Büchern ist, dass Thesen, die auf soliden wissenschaftlichen Ergebnissen beruhen, mit theoretischen, kontrovers diskutierten und falschen Behauptungen, die jeglicher Evidenz entbehren, vermischt werden.

Wissenschaftlich gesichert ist die Tatsache, dass bestimmte Weizenproteine entzündliche Reaktionen hervorrufen können. Dazu gehören die Zöliakie, eine entzündliche Reaktion des Dünndarms auf Gluten, das Klebereiweiß des Weizens, in genetisch prädisponierten Patienten, die Weizenallergie (u.a. Bäcker-Asthma) und die Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität oder besser -Weizensensitivität (NCWS). Über die erstmalig in den 1980ern beschriebene NCWS ist noch relativ wenig bekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 6 % der Bevölkerung von NCGS betroffen sein könnten. Zum Krankheitsbild zählten bisher intestinale Beschwerden wie Bauchschmerzen, Verstopfung, Durchfall oder Blähungen und systemische Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Wichtiger ist eine vermutete und teilweise belegte Verschlimmerung extraintestinaler entzündlicher Erkrankungen (z.B. allergisches Asthma, multiple Sklerose, systemischer Lupus erythematodes) unter Weizenverzehr.

Als Therapie dient eine gluten- und damit weizenfreie Diät. Die Aufklärung des Pathomechanismus der NCWS und der verantwortlichen Proteine im Weizen sind Gegenstand des WHEATSCAN-Konsortiums. Während Gluten als Ursache nicht vollständig ausgeschlossen ist, scheinen nach den Forschungen des Instituts für Translationale Immunologie in Mainz Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) aus glutenhaltigen Getreiden eine prominente Rolle als Aktivatoren der angeborenen Immunantwort im Darm und als mögliche Auslöser der NCWS zu spielen. Neben einer eingehenderen Analyse der ATIs, sollen weitere Faktoren aus glutenhaltigen Getreiden auf ihre immunstimulatorische Rolle untersucht werden. Da es derzeit auch noch keine verlässlichen diagnostischen Marker gibt, beruht die Diagnose auf dem Ausschluss insbesondere der Zöliakie, Weizenallergie, anderer Nahrungsmittelunverträglichkeiten und des Reizdarmsyndroms.

Aufgrund der multidisziplinären Fragestellung ist das Ziel des geplanten Vorhabens nur durch die nationale Vernetzung der führenden Forschungsstellen auf den Gebieten der Getreidechemie an der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Leibniz Institut (DFA), Kulturpflanzenforschung am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), Bioinformatik am Helmholtz Zentrum München, Neuherberg (HMGU), des Instituts für Translationale Immunologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Gastroenterologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Medizinische Klinik 1 (UKE) zu erreichen.

Als Arbeitshypothese für das geplante Vorhaben wird postuliert, dass sich die Proteinzusammensetzung, z.B. der Gehalt an ATIs, in Weizensorten der letzten 100 Jahre durch die Züchtung oder neue Anbaumethoden verändert hat. Moderne Sorten könnten somit im Vergleich zu alten Sorten ein höheres immunstimulatorisches Potential aufweisen. Dies wäre eine plausible Ursache für den Anstieg der Häufigkeit insbesondere der NCWS.
                                      
Das geplante Vorhaben soll daher folgende Kernfragen beantworten:

1)    Welchen Einfluss hatte die Weizenzüchtung der letzten 100 Jahre auf die Genexpression, die Proteinzusammensetzung und das Potential zur Auslösung von Immunreaktionen?
2)    Welche Marker gibt es auf Ebene der Gene, Proteine und Peptide für Weizensorten mit niedrigem immunstimulatorischen Potential?
3)    Sind Weizensorten mit niedrigem immunstimulatorischen Potential für NCWS-Patienten besser verträglich und welche bisher unbekannten Inhaltsstoffe aus Weizen tragen zur Auslösung der NCWS bei?

Das Ziel des Vorhabens ist die Korrelation von genetischer Variabilität (Genom), Genexpression (Transkriptom) und Proteinzusammensetzung (Proteom) mit dem immunstimulatorischen Potential von 60 deutschen Weizensorten der letzten 100 Jahre. Dieser multidisziplinäre Ansatz soll die Grundlage für die Entwicklung neuer Weizensorten mit geringem Potential zur Auslösung von Weizenunverträglichkeiten schaffen. Insgesamt soll ein entscheidender Beitrag zur Verbesserung der Diagnostik und zur weiteren Aufklärung des Pathomechanismus der NCWS geleistet werden.


Mehr Informationen:
Projektpartner
DFA:        Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Leibniz Institut, Freising
IPK:         Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung, Gatersleben    
HMGU:     Helmholtz Zentrum München, Neuherberg
JGU:        Institut für Translationale Immunologie, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-
                Universität Mainz
UKE:        Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Medizinische Klinik 1, Erlangen


Projektdetails
Name:      WHEATSCAN – Aufklärung der Ursachen für Weizenunverträglichkeiten
Beginn:    01. April 2016
Dauer:      3 Jahre
Budget:    1.139.880,- EUR
Koordination: Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Leibniz Institut, Freising

Kontakt
Frau Dr. Katharina Scherf
Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Leibniz Institut
Lise-Meitner-Straße 34
85354 Freising
E-Mail:     katharina.scherf@lrz.tum.de
Telefon: +49 8161 712927

8. Auflage der Nährwerttabellen Souci Fachmann Kraut in Buchform erschienen

Freising. Seit Herbst 2015 ist eine erweiterte Online-Version der von der DFA herausgegebenen Nährwerttabellen Souci Fachmann Kraut verfügbar. Ab sofort sind nun auch die überarbeiteten und ergänzten Daten in Buchform erhältlich. In gewohnt übersichtlicher Form und anschaulichem Layout präsentiert das seit über 50 Jahren editierte Nährwerttabellen-Standardwerk mehr als 800 verschiedene Lebensmittel sowie über 300 Inhaltsstoffe. Im Vergleich zur vorherigen Auflage erfuhr das Tabellenwerk maßgebliche Erweiterungen und Ergänzungen. So finden sich nun Werte für die als Phytoöstrogene bezeichneten Isoflavone und Lignane. Bei einigen Lebensmitteln wurde der Gehalt an Folsäure ergänzt. Erstmals werden nun auch in einer Nährwerttabelle belastbare Daten für den Glutengehalt in diversen Getreiden und Getreideprodukten angegeben. In der Rubrik Fisch und Fischprodukte wurden die Daten für die Fettsäure-Gehalte maßgeblich ergänzt. Ganz neu finden sich in der Rubrik Tee Daten für verschiedene Kräuter- und Früchtetee-Sorten, u.a. für Pfefferminztee, Fencheltee, Kamillentee und Rooibos-Tee. Ebenso neu aufgenommen wurden Nährwertdaten für einige Fleischteile von Rind, Schwein, Schaf und einigen Wildkräutern wie Schafgarbe, Huflattich und Scharbockskraut. Mit dieser Neuauflage steht sowohl Fachleuten der Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaft sowie der Nahrungsmittelindustrie ein fundiertes und den heutigen Anforderungen entsprechendes Nährwerttabellenwerk zur Verfügung.

DFA erneut positiv evaluiert

Freising. Der Senat der Leibniz-Gemeinschaft hat die weitere Förderung der Deutschen Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie - Leibniz Institut (DFA) empfohlen. In seiner am 9. Juli 2015 veröffentlichten Stellungnahme bescheinigt der Senat dem Institut durchweg sehr gute Forschungs- und Beratungsleistungen und stellt die überregionale Bedeutung der DFA sowie ein gesamtstaatliches wissenschaftspolitisches Interesse an der Einrichtung fest.

Die Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft werden in regelmäßigen Abständen, in der Regel alle 7 Jahre, von einer unabhängigen Bewertungsgruppe evaluiert, um über die weitere Finanzierung durch Bund und Länder zu entscheiden. Die Bewertungsgruppe besuchte die DFA am 6. und 7. November 2014.

 

Senatsstellungnahme vom 9. Juli 2015